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RueckkehrReflexion / Gruppe 2 - Jenfeld

Kaserne, Phantasie und Fortschritt

Teil des Rundgangs RueckkehrReflexion am 12.10.07 im Rahmen von MappingPostkolonial, zweite Gruppe (Jenfeld)


Rückkehr zu den Wegpunkten [Adler an der Ecke mit U-Boot-Rohr] (Gruppe 5) und [Männerturnverein] (Gruppe 5) bzw. [Clubhaus für Jedermann] (Gruppe3) von der Tour "Schiessen Wohnen". Der deutsche Adler trägt bedeutende Leerstelle im Eichenkranz. siehe auch [Der so genannte Tansania Park - Ein Rundgang]. Und wofür steht der Turnverein? Männerbünde mit Tradition? Sportsgeist? Kameradschaft? Beide Punkte wurden im materiellen Raum unter Einsatz unterschiedlicher Klebetechniken markiert.


Karte


Wegmarken

Wegmarken als [GPX]-Datei

01 Vor der Kaserne

02 Zur gemütlichen Kasernenecke

Plastikstühle vor Kasernengaragen

03 Reithalle links

Reiten, wie Ritter

04 Rauchender grauer Schornstein

05 Ich bin für Verteidigung

Notausgang aus der Wagenremise. 80er Jahre "Defensive"

06 Pioniere

Weide und Esche am Betonpistenrand

07 Sao Paulo aus Kühlschränken

Kühlschränke, Waschmaschinen, Eistruhen - Altlasten, zivil oder militärisch?

08 Zauberhafter Zimmerbrunnen

mit rosa Vase

09 Stöckelschuhteich

Stöckelschuh im Moosteich (Panzerdusche?)

10 Pflanzenklärkanal

Abwasserreinigung mit Pompeselstreifen

11 Schießstand

Anlage für jeglichen Schießbetrieb gesperrt

12 Die Reithalle: Endlich.

Reithalle gefunden: Blechschuppen von Studio Hamburg

13 Rampe: Gesperrt.

Gleisanschluß: fraglich.

14 englisch-deutscher Kolonialrasen

schön hier. Sonne scheint. Hubschrauberlandeplatz.

15 ArchiCAD? - virtuelle Realität real.

Waffen entladen.

16

...

17 Adler auf Gerüst

Bedeutende Leerstelle. Rückkehr. Standpunkte setzen und kleben.

siehe auch [Der so genannte Tansania Park - Ein Rundgang]

18 zivile Umnutzung

Vorgartenrasen vor Kasernenblock. Studentenwohnheim, aber: militärischer Bereich.

19 "entkommen"

Gefühl: zurück in der Zivilisation. Nur Trug. Undefinierter Gestank nach Scheisse. Fußballmannschaften.

Spätere Reflexionen zum Gefühl des Entkommens: [Entkommen?]

20 Dralle Deutsche

Fußball grün-weiss. Nr.17 ist eine Frau. "vielleicht ist es nicht so formal hier"

21 Echte Männer?

back to the roots: Männer Turnverein von 1872

22 Panzersperre

auch: Schulgarten, Gartenstadt

23 HSV-Hausmeister

Schulhausmeisterhaus in HSV-Maskierung. Lokalpatriotismus.

24 A&O-Markt

Zeitreise. Kaufmannsladen an der Kühnstraße. Mit Postkasten, Karbonaden und Kaufmannskittel. (Fast) noch Kolonialwaren.

25 Fortschrittliche Vereinigung

Wo bleibt der Fortschritt beim Kleingärtnertum?

26 Trabrennbahn

Pseudo-konversierte Wohnsiedlung. komischer freier Platz. Referenz Hufeisensiedlung Berlin-Britz. Ist Parzelle ein militärisches Wort?


Rückkehr_Reflexion: Einige Überlegungen, aufgespannt zwischen den Punkten DRIN und ENTKOMMEN

von Anke

Sowohl beim ersten Besuch als auch bei der Rückkehr auf das Gelände der ehemaligen Bundeswehrkaserne in Jenfeld stellte sich bei mir eine Art Grenzerfahrung ein: das Betreten der vermeintlich militärischen Sphäre kommt dem Überschreiten einer Grenze gleich, beim Verlassen stellt sich eine diffuse Erleichterung ein: das Gefühl, entronnen zu sein, der Kontrolle entzogen, wieder zurück in der (vermeintlichen) Normalität. Genauer betrachtet impliziert diese Wahrnehmung zweierlei: eine Reproduktion von Machtverhältnissen in der individuellen Wahrnehmung (als eine Art Selbstkontrolle) und eine relativ alltägliche Abstraktionsleistung, welche militärische und zivile Strukturen nicht als Teil ein und der selben gesellschaftlichen Struktur begreifen lässt.

Der Besuchende reproduziert Herrschaftsstrukturen, in dem er/sie das Tor passiert wie eine Grenzstation, mit dem Gefühl, dort gewissermassen die eigene Identität abzugeben und als "Zivilist Nr.3" die Hauptallee herunter zu spazieren. Erst ein (unbewusstes) Aufgeben des eigenen Subjektstatus erzeugt das Aufatmen beim Verlassen des Geländes.

Nach dem Abzug der Bundeswehr ist die ehemalige Kaserne rein formal auf dem Wege der Konversion: statt Soldaten logieren hier nun Studierende der Bundeswehr-Universität (als zukünftige militärische Führungskräfte), der Sender Studio Hamburg lagert Kulissen, diverse Gebäude stehen leer und warten auf große Vorhaben des Hamburger Senats: ganz im Sinne der Wachsenden Stadt soll "familienfreundliches Wohnen im Grünen" her [1]; zu diesem Zweck lässt man sich von erfahrenen Imageschneidern ein paar hübsche Bilder von Kindern, Schwänen und Hunde ausführenden weissen Mittelschichterln produzieren. [2]

Man möchte die "Ornamente" aus Kolonialzeit und Faschismus buchstäblich verdecken, die Kasernen in "sympathische Wohngebäude" verwandeln, inklusive blauem Himmel, Hamburger Backstein und abschliessbaren halböffentlichen Innenhöfen, welche der "Verwahrlosung" Einhalt gebieten. Eine repressive Gestaltung des Wohnumfelds geht einher mit der Reproduktion eines positiven Geschichtsbilds von der ehrbaren Kaufmannsstadt Hamburg, deren weniger ehrbare Aspekte einer kolonialen Ausbeutung übertüncht und ausgeblendet werden: "Das Bild der Weltstadt Hamburg ist geprägt von Backsteingebäuden, die sich in europäischer Tradition um artifiziell angelegte Wasserläufe reihen. Man findet die Innenstadt umringt von Parks und grünen Wohngebieten mit herrschaftlichen hellen Häusern" [3]. Welche europäische Tradition die Errichtung dieser herrschaftlichen Gebäude ermöglicht hat, bleibt freilich ungenannt.

west8: Herrschaftlich helle Häuser für Jenfeld

Eine Materialisierung dieser Phantasien ist in Jenfeld (noch) nicht erfolgt. Das Gelände der Lettow-Vorbeck-Kaserne steht heute unter Bundesverwaltung und ist nur mit Erlaubis zu betreten, formal handelt es sich jedoch nicht mehr um militärisches Gebiet, in dem der Standortälteste der Besucherin Schusswaffengebrauch androhte. Die militärische Ordnung scheint gewissermassen gestört: der Rasen ist ungemäht, die Schilder rosten, zwischen den Platten des Exerzierplatzes üben sich neue Pioniere, Rainfarn und Birken, nicht gerade im Strammstehen. Diese Bilder lösen eine Faszination aus, ähnlich der Romantik einer Industriebrache. Auch dort verbindet sich der Zustand des Verfalls mit einem schwer fassbaren Gefühl eigener Handlungsfähigkeit: an Orte vorzudringen, die man im regulären Betrieb (so) nie hätte betreten oder gar verändern können. Der Koloß, sei es die Kaserne oder die Produktionsanlage, liegt darnieder, das Individuum dringt vor in seine Eingeweide und sucht sich einen neuen Umgang mit diesen überdimensionierten Räumen. Die Kräfte, die diese Großstrukturen bewegt haben, scheinen geschwächt oder gänzlich abwesend. Doch diese Illusion zeigt Risse: Trotz Pferdereithallen, Altkühlschranklagern und anderen "zivilen" Restflächennutzungen erinnern die noch sichtbaren militärischen Reliquien, die Schiessstände, die Terrakotti von Gasmasken, Reichsadlern und Kolonialherren daran, dass die hier abgebildeten Herrschaftsstrukturen keineswegs absent sind, sich nun vielleicht nur auf eine andere Weise (oder an anderen Orten) darstellen.

Die Vorstellung von klar abgrenzbaren Sphären des Militärischen und des Zivilen abstrahiert von deren gesellschaftlichem Doppelcharakter: "Militär" materialisiert sich nicht allein in Kasernen und im Bleisarg, der aus Kabul eingeflogen kommt. Kasernen repräsentieren jedoch dieses sonst oft im Diffusen, im Alltag im schwer Greifbaren verbleibende Gewaltverhältnis auf eine besonders anschauliche Weise und verleiten so zu dem Trugschluss, diese Strukturen endeten am Kasernentor, jenseits dessen sich das zivile Asyl der Normalität ausbreite.

Ein "Entkommen" gibt es (so) nicht.