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von malte

"[...] 1927 wurde Jenfeld in die Stadt Wandsbek eingemeindet. Jenfeld beherbergte von 1933 an drei Kasernen, die Douaumont-, Lettow-Vorbeck- und v. Estorff-Kaserne. Diese sind heute teilweise zu Wohngebieten oder der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr umgebaut worden. [...]" -- aus WikiPedia:Hamburg-Jenfeld

Schiessen_Wohnen: Mit der modernen Subjektform unterwegs

Kasernenanlagen und städtischer Raum können nicht unabhängig voneinander gedacht werden. Ihre Bewohner wie ihre Erbauer gehörten und gehören zum gleichen gesellschaftlichen Kollektiv, sie bilden dieses aus und werden von diesem ausgebildet. Die vermeintlichen Gegensätze Zivil und Militär waren und sind Ausformungen moderner bürgerlicher Subjektivität, sie bedingten sich gegenseitig und sind gemäß der historischen Situation abrufbar. Eines nicht friedlicher als das andere, letzteres nicht gewaltförmiger als ersteres. Im "alltäglichen Überlebenskampf" ist die Form der Auseinandersetzung die der universellen Konkurrenz. In der ökonomischen und damit sozialen Krise schließlich entdeckt sich der Gewaltkern bürgerlicher Vergesellschaftung überhaupt.

"Eine Kaserne ist grundsätzlich eine militärische oder polizeiliche Gebäudeanlage, in der Soldaten bzw. Polizisten abrufbereit untergebracht (kaserniert) sind. Im Übrigen wird das Wort auch (abwertend) als Wohnungsmöglichkeit (Mietskasernen) gebraucht. [...]" -- aus WikiPedia:Kaserne

Männliche, westliche, weiße Universalität

"[...] Die allgemeine Wehrpflicht unterscheidet sich von anderen Formen der Zwangsrekrutierung durch ihren allgemeinen und gleichen Charakter. Der Anspruch war stets, seit der erstmaligen Einführung durch die französische Revolutionsregierung, die gesamte männliche Bevölkerung, ohne Ansehen der Person und ihrer sozialen Zugehörigkeit, zum Kriegsdienst heranzuziehen. Dieses Prinzip der totalen Erfassung der männlichen Bevölkerung eines Landes stellte eine fundamentale Neuerung dar. Die bis dahin praktizierten Formen der Zwangsrekrutierung, sei es unmittelbar durch staatliche Gewalt, sei es durch ökonomischen Zwang, zeichneten sich gerade durch ihren sozial selektiven Zugriff aus. Die Entwicklung der allgemeinen Wehrpflicht ist zu sehen, vor dem Hintergrund einer fundamentalen sozialen Krise, dem Zerfall der alten Agrargesellschaften, die schließlich mit zwei großen Institutionen vorläufig bewältigt wurde: Der Fabrik und der Kaserne.[...]" -- Aus: Roland Grimm [Jeder Mann ein Bürger, jeder Bürger ein Soldat] In: "exit! 3. Krise und Kritik der Warengesellschaft". Horlemann, Bad Honnef 2006

Das universelle Subjekt der Neuzeit ist gekennzeicht durch drei Eigenschaften: Es ist männlich, es ist westlich und es ist weiß. Das MWW entwickelte sich mit der Herausbildung des modernen, in seiner Falllinie demokratisch verfaßten bürgerlichen Nationalstaates. Zwei weitere Bestimmungen sind für das MWW bezeichnend: es ist arbeits- und es ist rechtsförmig. Andere bestimmt der universelle Subjektbegriff als davon abgespaltene Un- oder Nicht-Subjekte.

Noch-Nicht-Subjekte in ihrem Versuch in diese Form hineinzukommen, sich deren Rechte in einem Prozeß der erzwungenen Anpassung zu erkämpfen. Der einmal erworbene, rechtsförmig bestimmte Subjektstatus kann auch wieder verloren werden. Nicht-Mehr-Subjekte: Ein Mann wird arbeitslos, eine Frau wird Mutter, ein Schwarzer wird ausgewiesen. Die objektive Gleichheit aller Subjekte entdeckt sich als demokratisches Prinzip der Ausgrenzung.

"[...] Als Mietskaserne bezeichnet man eine mehrgeschossige innerstädtische Wohnanlage mit einem oder mehreren Innenhöfen aus der Zeit der Industrialisierung/ Gründerzeit für die breite Bevölkerungsschicht der kleinen Arbeiter und Angestellten.[...]" -- aus: WikiPedia:Mietskaserne

Negative Identität von (neo)kolonialem Denken und Handeln

Eingeschlossen in die Subjektform des MWW ist eine spezifische Form des Denkens und Handels, die sich mit der Entwicklung der Moderne und der wertabspaltungsförmigen Vergesellschaftung herausgebildet hat. Nach kolonialen Kontinuitäten in der Gegenwart zu fragen, bedeutet neokoloniale Denk- und Handlungsmuster als solche zu identifizieren; als eine Verarbeitungsform gesellschaftlicher Widersprüche sind sie strukturell bedingt, nicht aber zwangsläufig, sondern eine bewusst-unbewusste Entscheidung der Menschen, die sie zu verantworten haben.

Neokoloniales Denken und Handeln ist allgegenwärtig: Es zeigt sich in der ideologisierenden Behauptung vom Kampf der Kulturen ebenso wie im penetranten Überlegenheitsdenken der aufklärerisch munitionierten westlichen Kultur, im hierachisierenden Umgang mit der globalen Klimakatastrophe ebenso wie im zivilen und zivilisierenden Wideraufbau in den zu Krisenregionen umdefinierten Verwüstungen der totalen Marktwirtschaft. Und letzten Endes an einer arroganten Normalität, die selbstgefällig ihre eigene Geschichte und Verfaßtheit konsequent ignoriert.

"Neues Wohnen in Jenfeld: Der Hamburger Architektursommer lenkt die Aufmerksamkeit auf ein ganz besonderes Projekt im Osten der Stadt. Auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld wird neben einigen Arbeitsstätten auf dem größten Teil des Geländes ein durchgrüntes Wohnquartier für Familien entstehen. [...]" -- Aus: [Presseerklärung des Bezirksamtes Wandsbek zum Architektursommer in Jenfeld vom 06.09.06]

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Literaturhinweise zum Subjektbegriff und der Wertabspaltung

Siehe auch [exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft]

- Kurz, Robert: [Blutige Vernuft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte] 2004

- Scholz, Roswitha: [Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats] 2000

- Scholz, Roswitha: [Differenzen der Krise - Krise der Differenzen. Die neue Gesellschaftskritik im globalen Zeitalter und der Zusammenhang von "Rasse", Klasse, Geschlecht und postmoderner Individualisierung ] 2005

- Scholz, Roswitha: [Homo Sacer und die Zigeuner. Antiziganismus - Überlegungen zu einer wesentlichen und deshalb "vergessenen" Variante des modernen Rassismus ] . In: "exit! 4. Krise und Kritik der Warengesellschaft". 2007

[Alle Titel Horlemann, Bad Honnef]


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