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„Diese Diktatur der abstrakten Zeit, exekutiert durch den Mechanismus der anonymen Konkurrenz, schuf sich den dazugehörigen abstrakten Raum, nämlich den vom übrigen Leben abgetrennten Funktionsraum des Kapitals, der seiner eigenen betriebswirtschaftlichen Rationalität gehorcht.“
Robert Kurz - Die Diktatur der abstrakten Zeit. In: "Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit"

Antikarten

von Malte Willms

Der Begriff leitet sich aus der Annahme ab, daß man bei der bürgerlichen Gesellschaft - als der global einzig existenten - von einer gesellschaftlichen Totalität der Wertvergesellschaftung sprechen muss, einer gesellschaftlichen Totalität, die nur als gebrochene Totalität des Wert-Abspaltungsverhältnisses überhaupt Totalität sein kann. Demzufolge ist jede Karte inbegriffen des Erstellungsprozesses selbst Ausdruck dieser gebrochenen, gesellschaftlichen Totalität.

Der Begriff Antikarten eröffnet eine Kategorie, die nicht in dieser gebrochenen, gesellschaftlichen Totalität aufgeht, gleichwohl aber als Möglichkeit eines Anderen darin enthalten sein muß und somit auf eine Gesellschaftlichkeit verweist, die über die basalen Zwangsvergesellschaftungsformen von Wert, Ware und „abstrakter Arbeit“ hinausgeht und also das Formprinzip des Wertabspaltungsverhältnisses als ein auf die bürgerliche Gesellschaft beschränktes kennzeichnet.

Die anschließend kommentierten Abbildungen verdeutlichen entlang einer historischen Entwicklung bürgerlicher Gesellschaftsformationen deren gleichbleibende, übergreifende Formprinzipien, was den Begriff der Antikarte als nicht-verwirklichten kennzeichnet. Sie enthalten aber Hinweise, die die Zwangsverhältnisse der bestehenden sichtbar und die Möglichkeit einer anderen Form von Gesellschaftlichkeit in kritischer Negation aufzeigen.

Abbildung 1 - (Industrialisierung)

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„Cadger´s Map“ - „Wanderkarte eines englischen Bettlers“, erschienen in „London Antiquary“, Wörterbuch der englischen Gaunersprache von 1859. Cadger = Schnorrer.

Aus der Legende werden sowohl die Bedeutung als auch der konkrete Nutzen der in der Karte verzeichneten Symbole der Gaunersprache ersichtlich. Diese wurden - wie sich vermuten lässt - an Hauswänden o.ä. Orten hinterlassen und konnten nur von Eingeweihten „gelesen“ bzw. gedeutet werden.

Die Karte dokumentiert die Existenz einer Subsistenzform im frühindustriellen England des 19. Jahrhunderts. Die fortschreitende (durch die kapitalistische Entwicklungsdynamik bedingte) Zerstörung historischer Reproduktionsformen wie traditioneller Landwirtschaft liess unter diesen Bedingungen - abgesehen vom Verkauf der Arbeitskraft in der Industrie oder in der Armee - keine andere Möglichkeit, als sich zur Sicherung des Überlebens auf’s „Betteln“ zu spezialisieren und hierfür auch eine eigene, klandestine Kommunikation zu entwickeln. Die Kriminalisierung dieser Subsistenzform und deren gesellschaftlich sanktionierte Bestrafung waren nötig, um den Arbeitszwang und die wert- und warenförmige Verfasstheit der Subjekte (Staatsbürger) gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.

Abbildung 2 (Fordismus)

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Aufzeichnung aller Strecken, die innerhalb eines Jahres von einer im XVI. Pariser Bezirk wohnenden Studentin gegangen wurden. Aus der Forschungsarbeit „Paris und das Pariser Stadtgebiet“ des französischen Soziologen Chombart de Lauwe, Bibliothek der zeitgenössischen Soziologie, P.U.F.1952.

Das darin erkennbare Dreieck markiert die Wohnung der Studentin, die Hochschule für Politikwissenschaften und die Wohnung ihres Klavierlehrers. Abgesehen davon gibt es nur relativ wenig abweichende Bewegungslinien bzw. Zielorte.

Diese Karte zeigt die geordneten Bewegungen eines sich in der Ausbildung befindlichen Staatsbürgers (Rechtsform) und Arbeitssubjektes (Warenform). Die zentralen Bezugspunkte repräsentieren eine dualistische, auch räumlich-manifeste Sphärentrennung, die im gängigen Verständnis von privat und öffentlich mehr verschleiernd als erklärend bezeichnet sind.

Nach abgeschlossenem Studium wird sich die Karte wahrscheinlich nur geringfügig ändern, der zukünftige Arbeitsplatz wird den Platz der Hochschule einnehmen. Sollte der Arbeitsplatz einen höheren Grad an Flexibilität und Mobilität mit sich bringen, würde sich das zwar auf das Bewegungsbild, nicht aber auf die basale Verwertungsform (der Arbeitskraft) auswirken.

Abbildung 3/4 (Mikroelektronische Revolution)


Nicht-staatliche und nicht-kommerzielle Orte in Hamburg [Auswahl].

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Abbildung 3: Die Punkte wurden über eine unter kommerziellen Verwertungsaspekten erstellte Karte gelegt und letztere anschließend ausgeblendet. Ergänzend wurden die physischen und, wenn vorhanden, virtuellen Adressen vermerkt.

Abbildung 4: Die Punkte wurden mit dem GPS-Empfänger markiert und anschliessend aus den so erstellten Koordinatendaten eine Karte generiert.

Die Auswahl der Orte bzw. der Projekte erfolgte nach den ausschließenden Kriterien nicht-staatlich und nicht-kommerziell. Für das Selbstverständnis der Projekte ist i.d.R. eine Form von Staats- und/ oder Kapitalismuskritik und eine sich daraus ergebende emanzipatorische Perspektive konstituierend. Alle in den Karten verzeichneten Orte bzw. Projekte sind auf die für bürgerliche Gesellschaften grundlegenden Zwangsprinzipien der Wert- und Warenform und der daraus abgeleiteten Rechtsform (wie z.B. Verein) zurückgeworfen, was gleichzeitig auf die Notwendigkeit zu deren kritischer Negation und Überwindung verweist.

In den Karten bildet sich eine Art von „links-alternativer Infrastruktur“ ab. An Stelle des bestehenden, üblicherweise unter dem diffusen Begriff des Urbanen firmierenden, bereits besetzten Raumes tritt eine Wahrnehmung, die Raum, unabhängig von einer sich als vermeintlich objektiv setzenden Darstellung, als gestaltbaren, als utopischen Raum vermittelt.

Erstellt Antikarten!


Literaturhinweise

  • Bockelmann, Eske - „Im Takt des Geldes“. Zu Klampen, Springe 2004
  • Gruppe Krisis - „Manifest gegen die Arbeit“. Selbstverlag 1999
  • Jappe, Anselm - „Die Abenteuer der Ware. Für eine neue Wertkritik“. Unrast Verlag, Münster 2005
  • Kurz, Robert - „Blutige Vernuft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte“. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2004.
  • Kurz, Robert - „Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems“. Edition Tiamat, Berlin 2005.
  • Kurz, R./ Lohoff, E./ Trenkle, N.(Hg.) - "Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit". Konkret-Literatur Verlag, Hamburg 1999.
  • Postone, Moishe - „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“.
  • Scholz, Roswitha - „Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats“. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2000
  • Scholz, Roswitha - „Differenzen der Krise – Krise der Differenzen. Die neue Gesellschaftskritik im globalen Zeitalter und der Zusammenhang von 'Rasse', Klasse, Geschlecht und postmoderner Individualisierung“. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005

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