blog und wiki des projektes offene kartierung

Die offene Kartierungsgruppe stellt sich vor

Einführung zur Veranstaltung am 23.11.05 von Christiane

seit Februar 2005 trifft sich die offene Kartierungsgruppe, um sich gemeinsam mit dem Thema Kartierung zu beschäftigen. (Im Folgenden wird von „wir“ und „uns“ die Rede sein)

Unsere Tätigkeit lässt sich grob in zwei Felder unterteilen

1. Theoretische Überlegungen

  • Untersuchung und Kritik an vorgefundenem, herkömmlichem Kartenmaterial
  • Auseinandersetzung mit alternativen Kartierungsmethoden
  • Überlegungen zum Inhalt selbst produzierter Karten
  • nichtkommerzielle, selbstorganisierte Strategien der Erstellung und Veröffentlichung

2. Aneignung von Techniken / Kartieren

  • Aneignung von Methoden zur Erstellung von Karten
  • GPS-Benutzung
  • Übertragung der Daten und Weiterbearbeitung
  • Visualisierung und Schaffung von Möglichkeiten der Weitergabe von Kartenmaterial an/durch Andere

Theoretische Überlegungen

Kritik an herkömmlicher Kartenproduktion bedeutet nicht, dass uns die Farben oder die Patentfaltung eines Stadtplanes nicht zusagen. Vielmehr interessiert uns, was geographische Karten abbilden und was nicht, wie sie durch Betonen und Weglassen, durch Benennen und Nichtbenennen Wirklichkeit und Wahrnehmungsnormen erzeugen. Meist wird bei Landkarten oder Stadtplänen von Objektivität ausgegangen, von einer wahrhaften Repräsentation eines Territoriums. Karten markieren Territorien - teils aggressiv. Kartenherstellung und Veröffentlichung steht immer in politischen, ideologischen oder kulturellen Zusammenhängen und so erlauben Karten auch Einblicke in soziale oder ökonomische Bedingungen.

Karten sind nicht nur zweidimensionale Abbildungen, die Einfluss auf die Wahrnehmung eines geographischen Gebietes nehmen, sie sind beteiligt an dem Mechanismus, der es ermöglicht einen Raum zu imaginieren.

Als anschauliches Beispiel schlage ich vor, zu versuchen, sich die geozentrische im Gegensatz zur heliozentrischen Weltanschauung unserer Vorfahren vorzustellen, und deren Bewusstsein und Verständnis vom „in der Welt sein“; oder sich auf die kartographische Rhetorik „die Europäische Union und ihre Osterweiterung“ einzulassen: von der Zweidimensionalität einer Landkarte hin zum geopolitischen und geokulturellen Raum gelangt, wer die Bezeichnung der Himmelsrichtungen West und Ost mit Historischem, Ökonomischem, Hierarchischem, Nationalem, Bekanntem und Fremdem assoziiert. Territorial festgelegter imaginierter Raum, der sich erweitern kann -“die Osterweiterung“- verweist immer auch auf die Ränder dieses Raumes und eröffnet grenzpolitische und soziale Dimensionen mit der Frage nach dem Innen und Außen, dem Drinnensein- und dem Draußenbleiben -dürfen oder müssen.

Solche Wirkungen einer politischen und kulturellen Geographie können verändert werden. Denn die Politik der Karten ist abhängig von ihren Bedingungen und hat zudem die Eigenschaft, diese Bedingungen selbst herzustellen.

Mit der Idee der Erstellung von Karten, die die Wahrnehmung von Wirklichkeit verändern können, sind wir nicht die Ersten. Alternative Kartierung und Theorie und Praxis des „Mapping“ sind verbreitet. Als prominentes Beispiel seien hier die Situationisten genannt, eine KünstlerInnengruppe die ab Anfang der fünfziger Jahre Paris erwanderte mit Hilfe einer von ihnen entwickelten „Theorie des Umherschweifens“. Wer in der Stadt umherschweifen wollte, musste auf allgemein bekannte Bewegungs- und Handlungsmotive verzichten und sich ganz der Anregung des Geländes und den zufälligen Begegnungen überlassen. Es ist eine Technik des Sich-Treiben-Lassen um intensiv beobachten und Stimmungswechsel im Viertel oder in einem Straßenabschnitt registrieren zu können. Die Eindrücke wurden in so genannten „psychogeografischen Karten“ zeichnerisch festgehalten.

Guy Debord, Situationist, rät zur Nichtbefolgung üblicher Empfehlungen im Umgang mit Kartenmaterial für den Tourismusbereich. Zur Erstellung einer neuen Kartographie kann die völlig willkürliche Gleichsetzung zweier topographischer Darstellungen dienen. Hierzu berichtet Debord von einem Freund, der mit einem Londoner Stadtplan den Harz erwanderte und diese speziellen Eindrücke aufgezeichnet hat.

Was könnte eine alternative Kartografie in einem lokalen Gebiet wie Ottensen abbilden? Die Karte könnte eine andere als die herkömmliche Raumarchitektur schaffen, und damit eine andere Wahrnehmungsweise. Nicht Straßenzüge, Gebäude, Institutionen, Gemeindegrenzen oder Flussläufe, sie könnte spezialisierte Räume abbilden, alternative Welten. Sie könnte -ganz im Gegensatz zur situationistischen Technik- bewusst ausgewählte Handlungsmotive, Bewegungen, Beziehungen und Beschäftigungen betonen.

Konkret formuliert: Ich könnte beispielsweise in einer Karte all die Punkte im Gebiet markieren, die mir das Gefühl geben, in Verbindung mit meiner Community zu stehen, kulturelle Treffpunkte, Läden, Kneipen, häufig benutzte Wege, Schutzräume, Arbeitsstätten. Oder es liesse sich eine Karte erstellen, die sich auf unangenehme Orte spezialisiert. Solche subjektive Karten zu veröffentlichen heißt in jedem Fall, eine Gegenöffentlichkeit zu ermöglichen.

Das zweite Tätigkeitsfeld der Offenen Kartierungsgruppe umfasst neben dem Kartieren die

Aneignung der Techniken ...

...die es ermöglichen, solcher Art Kartierungen an Andere weiterzugeben.

Open Source Mapping beinhaltet die Idee, gemeinsam erstelltes Kartenmaterial kostenlos öffentlich zugänglich zu machen, damit es von anderen genutzt, weiter bearbeitet und weiter verbreitet werden kann. Hierfür eignet sich das Internet. Wie herkömmliche Karten müssen auch subjektive Karten, um benutzbar zu werden, lesbar sein. Sie müssen durch eine „übersetzbare Sprache“ vermittelt werden können.

Als eine der gemeinsamen Sprachen aller Kartierungen, die wir erstellen, benutzen wir ein Gerät mit GPS-Empfang. GPS steht für Global Positioning System, ein Satelliten gestütztes Navigationssystem, das in den siebziger und achtziger Jahren für das US-Militär entwickelt wurde. Es wird heute darüber hinaus in zivilen Bereichen genutzt, z.B in der Seefahrt und Luftfahrt, und, was wahrscheinlich am bekanntesten ist: im Pkw.

Das US-Verteidigungsministerium steuert mindestens 24 Satelliten, die in 20 200 km Höhe die Erde umkreisen. Die Satelliten strahlen ständig Signale aus. Die Signallaufzeit, zusammen mit den bekannten Neigungswinkeln der Satelliten auf ihren Umlaufbahnen ermöglichen die Bestimmung von Entfernung bzw. Höhe und Position beim GPS-Empfänger. Die Messgenauigkeit liegt bei etwa 15 m. Für die Messung wird der gleichzeitige Kontakt zu drei, besser vier Satelliten benötigt. Mit dem GPS-Empfänger können zum einen Zielpunkte einprogrammiert und angesteuert werden, zum anderen Wege und Wegpunkte zum Zwecke der Dokumentation und späteren externen Kartierung (z.B. Visualisierung) eingegeben werden. Auf welche Weise das Gerät solche Wegmarkierungen und zurückgelegte Wege anzeigt, ist auf unserem aufgeklappten Flyer erkennbar.

Wir nutzen also eine Militärtechnologie für unsere subjektiven Kartierungen.

Die Messdaten, die das Gerät liefert, werden in den Computer eingegeben. Ein spezielles Programm rechnet sie so um, dass sie in einem Koordinatensystem angeordnet und damit auf dem Bildschirm visualisiert werden können. Das Koordinatensystem sollte möglichst eines sein, das auch von anderen GPS-Geräten lesbar ist. Ein Konzept ist, mehrere Messergebnisse unterschiedlicher Kartierender übereinander zu legen, um neue Knotenpunkte zu erhalten.

Der Aufbau einer Infrastruktur, die im Zusammenhang mit den Kartierungen und ihrer offenen Nutzbarkeit erforderlich ist, hat bisher einen erheblichen Anteil unserer Zeit in Anspruch genommen und wird noch weitere Zeit einfordern.

Die Teilnahme am Projekt „offene Kartierung“ ist für alle Interessierten OFFEN, ein Treffen mit Austausch und GPS-Geräteausleihe findet jeden ersten Mittwoch im Monat statt.

Die Bild-Beispiele zeigen zwei Methoden der Darstellung zurückgelegter Wege und markierter Orte, die auf den Messdaten des GPS-Empfängers basieren.

  • eine zeichnerische Darstellung im beliebig gewählten Koordinatensystem, erste gemeinsame Messungen mit dem GPS-Gerät, in einer eher umherschweifenden Technik, die Farben verweisen auf verschiedene Ausflüge, die Kreuze sind Wegmarken, die herabhängenden Zettel beziehen sich auf andere Städte. Häufig angesteuerte Punkte werden erkennbar.

            upload:karte46a.jpg   

  upload:ausschnit%201klein.jpg    upload:ausschnit%202klein.jpg

  AnalogVisualisierung?

  • eine digitale Umsetzung der Wegmarken von einem Ausflug in Ottensen, „Kaninchenfluch 2005“

upload:kaninchenfluch%20in%20ottensen.png

[wp2map]

  • Datenbearbeitung

  upload:datenklein.jpg     /ErsteDaten?

Quellen

Berlant, Laurent; Warner, Michael: Sex in der Öffentlichkeit. in: Haase, M.; Siegel, M.; Wünsch, M.: Outside – Die Politik queerer Räume. Berlin 2005

Debord, Guy: Theorie des Umherschweifens. in: Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten. Hamburg 1995

Diercke Weltatlas. Braunschweig 1978

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