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Historische Karten als kulturelle Texte

von Judith

In einer knappen Übersichtsschau habe ich zur ersten öffentlichen Veranstaltung des Projekts „Open source mapping“ historisches Kartenmaterial vorgestellt. Vor allem die Auseinandersetzung mit einem Essay des Kartografiehistorikers John Brian Harley führte dazu, sich einem „dekonstruktivistischen“ Ansatz historischer Kartenrezeption zuzuwenden. Dabei ging es um einen spielerischen Blick auf historische Karten, die in vielfältigen Formen innerhalb der europäischen Geschichte dokumentiert und interpretiert worden sind. Das Thema war als Einführung und Erweiterung eines zeitgenössischen Blicks auf Karten gedacht.

Harleys Grundgedanke, Karten als „kulturellen Text“ zu verstehen, fordert den Betrachter von Karten auf, diese kritisch zu hinterfragen. Mehr als es uns im Umgang mit dem Falk-Plan bewusst ist: Gewichtungen und Urteile über Karten, die aus einem wissenschaftlichen Positivismus herrühren, sind nach wie vor virulent. Der eigene Blick auf historische Karten wirft mehr Fragen über unsere heutige kartografische Praxis und Weltsicht auf, als es vielleicht in den schönen exakten Bildern eines Internettools wie Google Earth zu erahnen ist.

Karten stellen keine unumstößlichen Konstanten dar. Sie sind immer kulturell, historisch, sozial, politisch geprägt und legen Bedürfnisse der Hersteller und Auftraggeber offen - und manchmal auch der Nutzer. Der historische Blick auf Karten macht bewusst, wie sehr unsere eigene Betrachtungsweise von Ort und Welt in die Wahrnehmung der Umwelt einfließt und unser Bewusstsein prägt. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es weder eine neutrale kartografische Repräsentation von Welt gibt noch topografische Präzision die einzige Variante darstellt, sich im Raum anhand von Karten zu orientieren. (Muss die Karte grundsätzlich genordet sein? Und was suggeriert das? Eine Dominanz des Nordens über den Süden?) Der Mythos der wissenschaftlichen Objektivität mittels Vermessung als gleichsam präzise Abbildung eines geografischen Raumes und eine immer größere Genauigkeit und mimetische Aufgabe der heutigen Karten (durch computergenerierte Bilder und Satellitentechnik) verschleiert, dass Karten als Abbild von Welt eh und je als Konstrukt fungierten. Karten als Texte lesen heißt, in den gängigen Karten, die uns im Alltag umgeben, den Anschein von Natürlichkeit und Transparenz zu zerlegen und gesellschaftliche, kulturelle und politische Inhalte zu entziffern.

Im Folgenden werden prominente Beispiele historischer Karten in einer verknappten Draufsicht vorgestellt. Im spielerischen Umgang mit Karten sollen die durch die tägliche Kartennutzung imaginierten Bilder von Welt, Land, Stadt in ihrer Präsenz aufgebrochen werden. Thomas Rottland fasst es in seiner Untersuchung über die Kartierung „Deutsch-Ostafrikas“ wie folgt: „Indem bei der Kartenproduktion Informationen selektiert und hierachisiert werden, geben die Karten einen bzw. einige wenige von fast unendlich vielen Blickwinkeln auf den abgebildeten Raum vor. So produzieren Karten den Raum, den sie abbilden. Ihr Machtpotential und ihre Effektivität für die Produktion von Raum gewinnen Karten dadurch, dass – im westlichen Kulturverständnis – ihre Subjektivität und ihre konnotativen Bedeutungsebenen verborgen bleiben …“ Die Abmessung von Raum, die typische Vogelperspektive auf eine Stadt, in der scheinbar neutral die Topologie der Stadt mit ihren Straßen und öffentlichen Gebäuden verzeichnet sind, und eurozentrische Darstellungen in Atlanten zeugen davon, wie Karten Raum konstruiert haben. Historische Karten können einen Anstoß geben, dargestellte Räume in ihren sozialen und machtpolitischen Implikationen zu verstehen und neue Räume zu kreieren.

Die populärwissenschaftliche Rezeption von Kartenmaterial (z.B. in Texten über die Kartografiegeschichte in Hochglanzkatalogen) spiegelt wider, dass auch heute noch in den Köpfen die Überlegenheit westlicher Sichtweisen und der Gedanke progressiver Geschichtsschreibung vorherrscht – etwa, mit der Aufklärung sei das „dunkle Mittelalter“ überwunden worden. Auch wenn die drei im Folgenden vorgestellten Karten – die Tabula Peutingeriana, die Ebstorfer Weltkarte und eine Karte der Neuen Welt – chronologisch präsentiert sind, suggeriere ich damit keine historische Überlegenheit der einen über die andere Epoche. Die Karten sollen als Anregung dienen, die eigene Erfahrung von Realität, die über das Lesen von Karten vermittelt wird, mit einer anderen Erfahrung von Realität zu konfrontieren.

Tabula Peutingeriana

Schon eine Weile sind Historiker sich über die genaue Datierung der Tabula Peutingeriana oder der Peutingerischen Tafel nicht einig. Vermutlich bildet die Karte das Römische Reich in einer Zeit zwischen dem 1. und dem 4. Jahrhundert ab. Es handelt sich bei der heute der Forschung zur Verfügung stehenden Peutingerischen Tafel um eine Kopie, die wahrscheinlich in einem Kloster in Colmar entstand. Sicher ist, dass der Augsburger Ratsherr Peutinger die Karte bis zu seinem Tod 1547 besaß. Die Karte wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht, trägt jedoch bis heute seinen Namen.

Die Peutingerische Karte misst 6,75 m in der Länge und 34 cm in der Breite. Folglich erscheint das dargestellte Römische Reich stark zusammengepresst. So sind sowohl Italien in der Mitte als auch Nordafrika unten und die nördliche und östliche Gebiete im oberen Bereich als schmales Band gezeigt. Es wird angenommen, dass die Karte Pilgern und Reisenden diente. Eine Wegstrecke von 104 000 km ist verzeichnet. Wege sind als rote Straßen eingetragen, an denen Meilenangaben stehen. Rund 3500 Ortnamen findet der Betrachter auf der Karte. Sie zeigt - neben Orten und Wegen - Badehäuser, wichtige Handelsplätze, Kornspeicher, wichtige Häfen und Heiligtümer, allegorische Darstellungen verkörpern die drei Metropolen des Reiches: Rom, Konstantinopel und Antiochia. Die Karte befindet sich heute in der Nationalbibliothek Wien und bestand möglicherweise aus zwölf zusammengesetzten Pergamentstücken, von denen nur noch elf existieren.

Bei der Peutingerischen Tafel handelt es sich um ein Kartogramm. Es geht also nicht darum, eine genaue Lagerichtigkeit von Orten, Territorien und Städten wiederzugeben, sondern vielmehr Sachverhalte vereinfacht zu zeigen und durch Figuren und Symbole dennoch eine geografische Einordnung zu ermöglichen.

Wie wurde die Karte benutzt?

Die Karte wurde wahrscheinlich von Pilgern in einer „Capsa“ transportiert. Vermutlich wurde das jeweilige Teilstück der Karte ausgerollt, welches der eingenommenen Wegesstrecke entsprach. Die verzeichneten Orte und Wege garantieren eine ungefähre Lokalisierung des eigenen Standorts. Die Distanzen zwischen den einzelnen Strecken wurden nicht durch einen Kartenmaßstab errechnet, sondern die in der Karte eingetragenen Ziffern zwischen den Stationen wurden addiert. Diese Ziffern beziehen sich auf die landesüblichen Meilenmaße. So findet der Reisende römische Meilen wie auch indische Meilen, oder auch die französische Meilenangabe „Gaul“. Sehr prominent eingezeichnet sind die Metropolen des Römischen Reiches Rom, Konstantinopel und Antiochia mit ihren allegorischen Abbildungen. Topografische Details wie Waldgebiete, Flüsse, Meere und Gebirge sind ebenso markiert: Gebirge als schmale Bänder zackiger Hügel, Wälder durch eine Reihe einzelner Bäume und das Meer als blaugrün getönter Streifen.

Auf der Webseite der Universität Augsburg ist es möglich, die in Segmente aufgeteilte Karte im Einzelnen zu studieren. Segment 1+2 beginnt mit Südostengland, Frankreich, Spanien, Nordafrika und mediterranen Inseln wie Korsika und Sardinien. Segment 3+4 bildet Italien ab, wobei Rom als Stadt, von der die 12 Straßen (Appias) ausgehen, im Zentrum steht. Segment 5+6 zeigt den griechischen Archipelgo, die Türkei und Kreta. Segment 7 stellt Zypern dar, es findet sich jedoch auch eine allegorische Darstellung der Heiligen Stadt und das südöstliche Gebiet von Mesopotanien. Segment 8 zeigt das Gebiet um Babylon bis zum Kaspischen Meer, die indischen Inseln und Ceylon / Sri Lanka.

Segmente der Tabula Peutingeriana unter: http://www.fh-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost03/Tabula/tab_intr.html

Ebstorfer Weltkarte

Die original Ebstorfer Weltkarte stammt wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert und wurde im Ebstorfer Kloster in der Nähe von Lüneburg hergestellt. Die Originalkarte wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, doch glücklicherweise ist sie vorher zur Archivierung in Teile zerlegt und fotografiert worden. Dadurch war es möglich, vier Nachbildungen der Ebstorfer Karte zu erstellen, von der eine heute in Lüneburg zu besichtigen ist. Die Karte zählt zu den mittelalterlichen Universalweltkarten, den Mappae Mundi. Bei der Ebstorfer Karte handelt es sich um eine nach Osten ausgerichtete Karte. Sie stellt die Welt im so genannten T-O Schema dar. Die Buchstaben stehen für orbis terrarum – der Erdkreis. Die T-Form bezieht sich sowohl auf die Aufteilung der Welt in Form eines T’s (mit Asien in der oberen Hälfte der Karte, Europa im linken unteren Viertel und Afrika auf der rechten Seite) als auch auf die Kreuzsymbolik. So berührt Christus in der Ebstorfer Karte mit seinen ausgebreiteten Armen die Welt an ihren Rändern. Der Kopf Christi ist im Osten, die Füße sind im Westen, die Hände im Norden und Süden abgebildet. Das T ist in das O-Schema eingeschrieben.

Das Zentrum der Karte bildet die Heilige Stadt Jerusalem, der Nabel Christi. Mit der Stadt Jerusalem verbinden sich zwei Vorstellungen: die des himmlischen und des irdischen Jerusalem. Außerdem kommen der Stadt als Nabel Christi diverse symbolische Bedeutungen zu. Bereits hier spielen so viele Aspekte in die Deutung hinein, dass deutlich wird, wie komplex im Mittelalter verschiedene Bedeutungsebenen miteinander verknüpfte wurden. In den Zwickeln der Karte und in der Karte sind Texte integriert, die sich auf Themen beziehen, die in der Karte abgebildet sind. Die Ebstorfer Karte gehört mit ihren 12,75 m² zu den größten überlieferten mittelalterlichen Karten dieser Art.

Inhalte der Karte

Die Ebstorfer Weltkarte ist wegen ihrer Vielschichtigkeit, kaum in einem kurzen Überblick zu fassen. Mit anderen Mappae Mundi ist der Ebstorfer Weltkarte gemein, dass sich die verschiedenen Bereiche des Wissens überkreuzen. Der Betrachter und Leser der Texte findet Hinweise zur Geografie, Mythologie, Sagenwelt, Flora und Fauna, Zoologie, biblischen Szenen und christlichen Heilsvorstellungen. Die Karte funktionierte als ein Raum-Zeit-Gesamtbild, in dem Bedeutungen und Sachverhalte simultan auftreten. Harley weist beispielsweise in seinem Sammelband über die Geschichte der Kartografie darauf hin, dass die Mappae Mundi die gesamte Geschichte der christlichen Welt gleichzeitig beinhalten konnten: „its creation, salvation, and final judgement.“

Die Ebstorfer Weltkarte beschreibt demnach eine christliche Universalgeschichte. Sie zeigt sowohl heidnische als auch biblische Ereignisse: die Arche Noah, der Turmbau zu Babel, das Tote Meer mit den versunkenen Städten, die Grabstädten einiger Apostel, Erzählungen um Alexander den Großen, seltsame Wesen und sagenumwobene Figuren wie Gog und Magog. Der Ursprung des menschlichen Geschlechts mit dem Sündenfall Adam und Evas liegt im äußersten Osten - im Paradies. Gleich links von Christus Kopf befindet sich das von einer Feuerwand umgebene Paradies, mit seinen vier Paradiesflüssen, dem Baum der Weisheit und der Darstellung Adam und Evas. Wobei in der Ebstorfer Karte, nicht wie so häufig dargestellt, Eva allein von der Schlange verführt in den Apfel beißt, sondern auch Adam mit einem Apfel in der Hand gezeigt wird. Auf der rechten Seite neben dem Kopf Christi ist hingegen das mystische Orakel Alexanders von der Sonne und dem Mond geschildert. Direkt unterhalb sieht der Betrachter eine Darstellung eines Sonnenanbeters, der gebannt in die Sonne schaut. Einfach zu erkennen ist auch die Abbildung der drei Feuersäulen, die wiederum aus der Legende um Alexander den Großen stammen und den äußersten Norden beschreiben. Sie sind direkt unter der rechten Hand von Christus zu sehen. Eine weitere Szene ist der im Mittelpunkt der Karte liegenden Heiligen Stadt Jerusalem eingeschrieben. Diese ist für die christliche Heilsvorstellung zentral: die Auferstehung Christi aus seinem Grab. So wird auf die Verknüpfung des irdischen mit dem himmlischen Jerusalem verwiesen, das im 13. Jahrhundert auch als Propaganda für die Kreuzzüge herhalten musste. Die Ausrichtung des auferstandenen Christus – der Kopf zeigt nach Süden von seinem Grab aus – wird verschieden interpretiert. Ute Schneider fasst diese Orientierung Christi in dem Katalog „Macht der Karten“ wie folgt zusammen: „Der Blick Christi ist in der Ausrichtung dieser Karte gegen Norden gewandt, wo nicht nur Gefahren in Gestalt gefährlicher Tiere und Stämme wie den Amazonen lauerten, sondern auch zu missionierende Gebiete, wie Albanien oder die Stadt Sofia in der Nähe Russlands“. Dass die Ebstorfer Karte nicht nur religiös motiviert war, sondern durchaus auch weltlichen Zwecken der Macht und Propaganda diente, zeigen diese Beispiele. Gleichzeitig wird noch einmal deutlich, dass die Karte komplexe Inhalte und Themen transportiert.

Lüneburg und die Ebstorfer Karte

Der Gegend um Lüneburg wird auf der Ebstorfer Karte besondere Aufmerksamkeit geschenkt, vergleicht man die Größe der Städte Braunschweig und Lüneburg etwa mit dem bedeutsameren Heiligen Jerusalem. Wolf hat in seiner Forschung herausgefunden, dass die Karte ein politisches Programm verfolgte. Der welfische Löwe ziert die Stadt Braunschweig und ebenso die Stadt Rom. Hierdurch ließ sich zeigen, dass wahrscheinlich die Herstellung der Karte mit der Zeit Ottos von Braunschweig zusammenfällt. Otto demonstrierte somit seinen Anspruch auf die Kaiserkrone, indem er eine Verbindung zu Rom symbolisch markierte. Hinzu kommen weitere Indizien wie etwa die Auswahl der dargestellten Orte des römisch-deutschen Reiches.

Im unteren nordwestlichen Drittel der Karte sind die Städte Braunschweig, Lüneburg und Ebstorf dicht beieinander zu finden.

Für genaueres Hineinzoomen in die Ebstorfer Weltkarte: http://kulturinformatik.uni-lueneburg.de/projekte/homepage_ebskart/content/start.html

Neuzeit: Die neue Welt und ihre Grenzen

Im 16. Jahrhundert wurden die runden mittelalterlichen Erdkarten von einem neuen Kartentyp abgelöst: der Mercatorkarte. Die Mercatorkarte berücksichtigte die Kugelgestalt der Erde, ist achs- und lagetreu. Sie ist jedoch nicht wie heutige Karten flächentreu, d.h. würde man den optischen Eindruck der Mercatorkarte mit den gemessenen Quadratkilometern vergleichen, wären die Länder verzerrt dargestellt. Erst mit der Möglichkeit gekrümmte Flächen zu berechnen, sind Karten auch flächentreu geworden. (Peterskarte) Dennoch beruhen viele Karten immer noch auf der Mercatorkarte mit Europa im Mittelpunkt. Mit dem 16. Jahrhundert wurden die Karten durch Amerika – die Neue Welt –, aber auch durch mehr Details zu Asien ergänzt. Die Ausdehnung sowohl in den Osten als auch in den Westen hatte unter anderem zur Folge, dass der Blick von außen auf die Welt und den Menschen eine mittelalterliche Verknüpfung von Mikro- und Makrokosmos ablöste. Die Erforschung der „Natur“ führte zu einem neuen Wunsch, die Welt berechnen zu können. Das abstrakte geometrische System des Gitternetzes ermöglichte eine genauere Positionierung von Ländern und Orten. Dass dabei auch mit der Karte Land eingenommen wurde, zeigen die Karten, in denen Länder und Städte neu benannt, Grenzen gezogen und farblich markiert sind. Sicherlich spielte bei der Landnahme der Neuen Welt auch das Kartieren eine weit bedeutsamere Rolle: Es diente der Bändigung des Fremden, wie etwa Lucy Lippard es in einem Aufsatz beschreibt. Im Benennen und Vermerken neuer Ortsnamen und Ländergrenzen liegt somit nicht nur die politische Einverleibung neuer Flächen, sondern auch ein psychischer Aspekt des Bezwingens ungewohnter Lebensarten und beängstigender Wildnis: „In früheren Kolonialgebieten bedeutete das Benennen und schließlich das Kartieren einer fremden Landschaft ihre Zähmung, die Erschließung des Landes durch das Auslöschen früherer Namen sowie seine Verschließung durch das Einsetzen neuer Besitzverhältnisse.“ (Lippard: S.94) In den mittelalterlichen Karten sind Grenzen durch Flüsse gegeben und durch den äußersten Rand der Welt. In der Neuzeit entwickelt sich Formen von Weltkarten, in denen der territoriale Anspruch und die daran gebundene Macht durch Besitz von Raum zum Ausdruck kommen. Karten können als Belege dienen, die bestehenden Machtansprüche zu untermauern und Raum einzunehmen: „Schließlich verschaffen Karten den Grenzen Gültigkeit und tragen zu ihrer Etablierung bei, weil diese sich über ihr Bild in das Gedächtnis einprägen …“. (Lippard: S.96) Grenzziehungen fallen mit der Entstehung von Territorialstaaten zusammen. Anders als beispielsweise die Grenzen des Römischen Reiches dienten die Grenzen der frühen Neuzeit nicht mehr nur dem Schutz vor einem äußeren Feind, sie galten dem direkten Nachbarn, der „ein ähnliches Interesse an der Vergrößerung und Arrondierung seines Territoriums hatte“. (Lippard: S.97) Grenzen wurden dynamisch und gehörten zum Machtausdruck neuer Herrschaftskonzeptionen.

John Thorntons Karte aus dem Jahr 1673

Gerade für die Neue Welt galt: Exakte Grenzen erhöhen die Möglichkeit einer friedlichen Nachbarschaft unter den Eroberern. Dass die neue Aufteilung des Landes nicht der eigentlichen indigenen Bevölkerung nutzte, ist weithin bekannt. Die Karte von John Thorton aus dem Jahr 1673 zeigt die Besitzverhältnisse des nördlichen Amerikas. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Darstellungen der Neuen Welt, indem die Territorien meist als eine unbelebte einheitliche Fläche abgebildet waren, finden sich auf Thortons Karte einige Tiere und Gebirge, und es gibt Hinweise auf die einheimische Bevölkerung. Diese Hinweise existieren jedoch nur, weil eine große Handelskompanie aus Kanada (The Hudson Bay Company) sich seit 1670 auf den Pelzhandel mit der indigenen Bevölkerung spezialisiert hatte. Diese indigene Bevölkerung half den Händlern durch die Weitergabe ihres Erfahrungsschatzes mit den kalten Wintern zurechtzukommen. Die kolorierten Linien an den Küsten zeigten die europäischen Siedlungen entlang der Küste.


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